Das neue Schesslo

„Grundgütige – was für ein Ritt!“ Dieses Resümee von Frau Indigo trifft die vergangenen sechs Monate ganz gut. Nach Diagnoseschock, unzähligen Untersuchungen und Blutabnahmen, Chemotherapie und Operation samt erfolgreicher Eliminierung des Drecksacks kehren nun neben dem Frühling und meiner Körperbehaarung glücklicherweise auch meine Lebensgeister allmählich zurück. Zudem habe ich durch das Pausieren von Terminen Zeit wie Heu und kann mich von den überstandenen Strapazen erholen, bevor es bald mit der sechswöchigen Bestrahlungsetappe weitergeht. Viele, inklusive mir, fragen sich angesichts der aktuellen Ereignislosigkeit, was ich jetzt eigentlich den ganzen Tag so mache. Die Antwort ist ebenso schlicht wie ergreifend: Spazieren gehen und auf dem neuen Sofa chillen, das seit Ende Januar meine neue Wohnstätte und so großartig ist, dass es mit einem eigenen Artikel gewürdigt werden muss.

Im Dezember, auf meinem absoluten Therapietiefpunkt, brauche ich dringend eine Belohnung für all die Strapazen und beschließe, ein nagelneues Sofa zu bestellen, was in unserem quasi-asketischen Second-Hand-Haushalt einer Sensation gleichkommt. Zwei nicht unerhebliche Punkte sprechen dafür: Zum einen hatte uns das alte Sofa – ein viel zu kleiner und unbequemer Zweisitzer aus hässlichem rotem Kunstleder, ausziehbar nur um den Preis eines Rückenschadens, gebraucht gekauft beim vorletzten Umzug vor zehn Jahren für fünfzig Euro – schon lange den letzten Nerv geraubt. Zum anderen wird meine Ruhebedürftigkeit vermutlich noch eine ganze Weile währen, und als halbwegs erwachsene Frau und Onkologiepatientin möchte ich künftig – Gipfel der Opulenz – beim Chillen wenigstens die Beine ausstrecken können. Luxus, verdammt!

Ein schwebender Traum in schmutzigem Himmelblau

Meine diesbezüglichen Vorstellungen nehmen rasant Gestalt an: Mir schwebt ein hübsches Modell in L-Form mit bequemer Polsterung vor, auf dem vier alle Platz haben und das man ausziehen kann, ohne einen Bandscheibenvorfall zu erleiden – Komfort und Funktionalität! Chéri recherchiert wochenlang nach etwas Passendem für meine doch etwas beengte Wohnküche und reicht einen Vorschlag nach dem anderen ein. Irgendwann geht es mit ihm völlig durch und er präsentiert mir Wohnlandschaften mit unendlichen Weiten, die in unsere 2,20-Meter-breite Ecke beim besten Willen nicht hineinpassen. Zudem klärt er mich in diesem Zusammenhang so lange darüber auf, dass man in hiesigen Breitengraden ein derartiges Sitz- oder Liegemöbel als Schesslo bezeichnet, also schwäbisch für Chaiselongue, bis ich es brav in meinen Wortschatz integriere.

Schließlich entscheidet sich der Familienrat für ein Ecksofa mit Schlaffunktion in „schmutzigem Himmelblau“, das passt zu uns. Die Produktbeschreibung verspricht, „dass es nicht nur schön und ansprechend aussieht, sondern auch einen unverwechselbaren Charakter verleiht“. Auch das erscheint mir passend. Zudem besticht es mit einem „leisen und sehr komfortablen Aufklappmechanismus“ und ist „in jeder Hinsicht attraktiv: Sein Bezugsstoff schimmert leicht und ist sehr weich und zart bei Berührung [eine echte Konkurrenz zur Katze, Anmerk. d. Red.]. Modische Steppung verleiht ihm Klasse und Eleganz. Die Beine aus Holz lassen das Möbelstück leicht in der Luft schweben“. Letzteres macht mich besonders neugierig.

Read the fucking manual

Nach der Bestellung können wir die Ankunft des neuen Charakterstücks kaum erwarten und zählen die Tage bis zur Lieferung. Ende Januar, zwischen beendeter Chemotherapie und anstehender Operation, ist es dann endlich soweit. Wenn die Nacht am dunkelsten, ist das Schesslo am nächsten. Hotti, Lotti und ich befreien die Einzelteile von Tonnen an Pappe und Plastikfolie und rücken sie in Position. Dabei verlieren Hotti und ich vorübergehend die Nerven, da wir annehmen, das L-Stück sei verkehrt herum geliefert worden. Lotti hingegen, die kurz zuvor mit ihrer Freundin Blondi tagelang neue Möbel im Akkord aufgebaut hat, studiert fachkundig die Anleitung und erklärt seelenruhig, dass das Seitenteil in beide Richtungen montiert werden kann. Das gute Kind! Nach der Arbeit kommt Chéri vorbei und gibt alles, um den schwebenden taktilen Traum betriebsbereit zu machen. Schließlich prangt das Schmuckstück fertig in unserer bescheidenen Hütte und unsere Lebensqualität ändert sich schlagartig: Fortan muss bei Filmabenden niemand mehr auf dem Boden sitzen, wir können die Füße hochlegen, ohne Stühle vor das Sofa zu schieben, und die Katze und ich haben endlich eine angemessene Residenz für unsere Morgenlektüre mit Kaffee und Zeitung sowie den täglichen Mittagsschlaf.

Euphorisiert posieren Hotti, Lotti, Chéri und ich in allen möglichen Konstellationen auf dem schmutzig himmelblauen Schesslo, machen Fotos mit Selbstauslöser und verschicken diese an Freund*innen und Verwandte. Ähnliche Szenen spielten sich womöglich nur in den Sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts ab, als die ersten Fernsehgeräte Einzug in deutsche Wohnzimmer hielten, nur dass es damals noch keine Messenger gab. Auch Tawny bekommt ein solches Schesslo-Familienbild. Ihr Kommentar: „Ihr seht wirklich sehr, sehr glücklich aus. Man sollte Euch Frankfurter Kranz anreichen!“ Eine ausgezeichnete Idee!

4 Kommentare

  1. Da bekomme ich so richtig Lust mir auch ein neues schesslo in die Wohnung zu stellen. Wunderbar geschrieben!
    Liebe Grüße an euch vier (:

  2. So eine vergnügliche Schilderung mit wundervoll blumigen Begriffen! Habe herzlich gelacht und gratuliere nochmal zu dieser sinnigen Anschaffung!

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