Vorhair Nachhair

Bei der Recherche nach einer passenden Überschrift stießen Lotti und ich auf einen Übersichtsartikel im Spiegel über Namen von Friseursalons und damit verbundene Wortspiele („Eine Analyse von 22.000 Salonnamen aus ganz Deutschland offenbart die schrägsten Kreationen“). Besonders passend und schnittig fanden wir „Vorhair Nachhair“, dem wir diesen Wunderbra-Artikel widmen.

Hauptsache, das Krönchen sitzt.

Als nächstes fallen mir die Haare aus. An Tag 15 nach der ersten Chemo-Dröhnung sind es zunächst einzelne Haare, die beim Kämmen ausgehen, an Tag 16 kleinere Büschel, an Tag 17 dann viele kleine Büschel. Die Haarwurzeln schmerzen und fallen vermutlich gerade reihenweise tot um. Am Abend von Tag 17 beschließe ich, in die Offensive zu gehen und Chéri samt Haarschneider einzubestellen. Ich bin erstaunt, wie sehr mich der Umstand, bald haarlos zu sein, dann doch trifft, träumte ich doch schon als 15-Jährige von der Frisur einer Gabriele Krone-Schmalz und als 16-Jährige von der Glatze der Sinéad O’Connor. Damals drohte mir meine Mutter, das Taschengeld zu streichen und meinen zimmereigenen Telefonanschluss zu sperren, wenn ich so weit ginge. Was für eine unnötige Aufregung: Dreißig Jahre später habe ich ja doch, was ich wollte.

Diesmal allerdings nicht freiwillig, und das macht einen Unterschied. Als ich mit dem Handtuch um die Schultern auf einem Küchenstuhl Platz nehme und Chéri mit dem Rasierer vor mir steht, muss ich kurz in seinen Bauch weinen. Lotti, die als treue Begleiterin seit Wochen nicht von meiner Seite weicht, steht mir auch in dieser schweren Stunde bei. Sie beobachtet still, wie ich mich trösten lasse, dann holt sie eine Tüte Chips, setzt sich auf den Stuhl neben mir, schaufelt sich mit einer Hand Knabberkram in den Mund und hält und drückt mit der anderen die meine. Die gute Seele! Mit Argusaugen verfolgt sie jede von Chéris Rasierbewegungen und weist ihn auf jede noch so kleine Unregelmäßigkeit hin („Hinterm Ohr ist noch ein Haar! Da an der Seite auch noch!“). Per Fotodokumentation steckt sie mir, dass Chéri, der Scherzkeks, mir einen Irokesenschnitt verpasst hat. Doch auch der fällt bald zu Boden. Es wird Herbst, und ich werfe dieses Jahr als erstes mein Laub ab.

Einen schönen Menschen entstellt nichts

Am nächsten Tag starten Hotti und Lotti eine Fotosession mit mir, das haben sie sich bei der Huberin abgeschaut, deren kreativer Umgang mit ihrer damaligen Erkrankung keine Wünsche an Inspiration offenlässt. Die Reaktionen aus meinem Umfeld machen Mut: Frau Zirkus näht mir zwei entzückende, kuschelige Zwergenmützen in Grün und Rot (es ist echt kalt ohne Haare!), Frau Indigo schlägt vor, mich doch mal im Canneloni-Fundus nach diversen Glamour-Perücken umzuschauen, und Chéri gesteht mir, dass er im allerersten Star-Trek-Film die Deltanerin Lieutenant Ilia voll hot fand. Und wie sagt außerdem der Volksmund so richtig: Einen schönen Menschen entstellt nichts.

Nach ein paar weiteren Tagen habe ich auch die Glatzen-Kröte geschluckt, sodass ich meine einstige Prachtmähne in Frieden ziehen lassen kann. Das Krönchen sitzt wieder, und immerhin habe ich noch Augenbrauen, Wimpern und Beinhaare – offensichtlich verfügt deren Zellteilung über eine andere Geschwindigkeit und bietet der Chemie-Keule damit länger die Stirn. Und im nächsten Frühling werden die Bäume wieder ausschlagen und so auch ich.

9 Kommentare

  1. @Ma: Dazu fallen mir drei Dinge ein:
    1. Das wäre ja auch noch schöner ;).
    2. Ebenfalls!
    3. „Wir sind alle Individuen!“ – „Ich nicht!“

  2. Wow, hier ist ja mal was los :)! Hier Resonanz der Reihe nach:
    @Chéri: Scher(i)e ist auch nicht schlecht, ich werde das beim Spiegel einreichen.
    @Birgit: Nur her mit den Verleger*innen! Wenn bei Dir mal eine*r vorbeibraust: Gleich weiterschicken in die Mathilde!
    @Krönchenfan: Ja absolut – ein Hoch auf Professor Huhn! Und vielen Dank für die ganzen Komplimente, da läuft ja glatt mein Krönchen an ;). Das nennt man vermutlich die offensive Offensive oder auch Flucht nach vorn… Und solange es den Drecksack kleinkriegt und dazu noch Leute unterhält, ist das ja nicht die schlechteste Strategie.

  3. Was bist Du nur für eine wunderbare Schreiberin! Da hatte Professor Huhn ja mal den richtigen Riecher! Ich ziehe den Hut vor Dir, Deiner Power, Deiner unbeschönigten Ehrlichkeit (es ist ja auch ein Drecksack)! Also weiter so: und immer schön aufs Krönchen achten!!!
    Alles Liebe

  4. Wunderbar! Wieder wunderbar! Und ich wünsch mir so, dass bald ein Verleger nicht auf nem öden Schimmel sondern mit nem schicken e-Rad vorbeibraust und das Manuskript abholt!!!! Alles Liebe und Gute
    Birgit

  5. Absolut! Aber der Spiegel-Artikel gibt noch viel mehr her, die Entscheidung war nicht einfach. „Mata Haari“ ist auch echt gut oder „Schicke Schnitte“. Lotti sagte vorhin zu mir: „Mama, Du bist wundhairschön!“

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