Taxi Driver – ein Monolog (Teil 1)

Taxifahren: Der Teufel steckt im Detail.

Als Krebspatient*in hat man Anspruch auf Krankenbeförderung, was bedeutet, dass man sich für regelmäßige Behandlungen wie Chemotherapie, Antikörpertherapie oder Bestrahlung ein Taxi rufen darf; die Kosten übernimmt im Großen und Ganzen die Krankenkasse. Prinzipiell ist das eine super Sache, allein der Teufel steckt auch hier im Detail bzw. in der Chefin des Taxi-Unternehmens Schwurblinger, das ich für meine Serienfahrten auserkoren habe.

Frau Schwurblinger ist etwa Mitte fünfzig, immer aufgeregt und stets unzufrieden mit allem, echauffiert sich wahlweise über die Bundesregierung, Menschen mit Migrationshintergrund oder ihren Mann und zwingt ihre Kund*innen, sich von der ersten Minute an alles anzuhören, was ihr gerade durch den verschwurbelten Kopf geht, wobei sie gleichzeitig sehr wenig von a) Distanz und b) Information hält. Seit Monaten nun legt sie auch mir vollkommen unaufgefordert ihre recht fragwürdige Sicht der Dinge dar, ob ich will oder nicht. Ich erinnere mich noch sehr gut, wie ich sie bei unserer allerersten Fahrt schüchtern darum bat, coronabedingt ihre Maske aufzusetzen, da wir definitiv keinem gemeinsamen Haushalt angehören, worauf sie sehr verschnupft reagierte: „Ich hab‘ doch kein Corona!“ Mittlerweile kennen wir uns besser, sodass ich beschlossen habe, einige ihrer Monologe für die Ewigkeit festzuhalten.

Frau Schwurblinger und wie sie die Welt sieht

An einem Morgen im Januar wird meine Hinfahrt in die Klinik vergessen. Auf meine Nachfrage kommt doch noch das Taxi, durchgefroren steige ich ein. Am Steuer sitzt Frau Schwurblinger, die bereits auf hundertachtzig ist und sich darüber aufregt, was das heute für ein „Chaos“ sei, dass ihr Mann meine Fahrt „verbaselt“ habe („Das ist wieder typisch!“), dass sie sich aber dennoch – quasi heroisch – entschlossen habe, mich abzuholen, obwohl sie das jetzt „in Teufels Küche“ bringe. Unter Anstrengungen verkneife ich mir, mich zu entschuldigen.

In einer Seitenstraße passieren wir Herrn Warner, den mittlerweile pensionierten Kinderarzt, bei dem sowohl ich mit Hotti und Lotti als auch offensichtlich sie mit ihrer Brut war. Sogleich verfällt sie ins Schwadronieren und damit in eine völlig andere Tonart: „Ach, da ist ja der Herr Warner, der war ja so super! Also meine Tochter hat ja nie geschlafen, dafür schläft sie jetzt 48 Stunden am Stück. Na ja. Und bei meinem Sohn hat der gesehen, dass der so blinzelt und dass der zum Augenarzt muss. Der war übrigens auch total super, der Herr Wurster, also der Augenarzt, so total väterlich, wie der Herr Warner, da bin ich nach zehn Jahren in die Praxis gekommen, wo die alte Sprechstundenhilfe schon nicht mehr da war, aber die junge Blonde, die dann da war, hat gleich gesagt: ‚Bleiben Sie sofort da!‘ Und dann haben der Wurster und ich uns über alles unterhalten, sodass ich am Ende gefragt hab‘: ‚Ja, was ist denn jetzt mit meinen Augen??‘ Und er so: ‚Alles super, nichts verschlechtert!‘“

Too much information

In der irrigen Annahme, das Gespräch ein bisschen mitgestalten zu können, werfe ich dummerweise ein, dass die Praxis von Herrn Wurster sich ja im selben Haus befinde wie das Mammografie-Zentrum. Das hätte ich lieber bleiben lassen, denn jetzt folgt eine Schimpftirade auf das Mammografie-Zentrum, die sich gewaschen hat, da Frau Schwurblinger überhaupt nicht zufrieden ist mit den dortigen Mitarbeiterinnen: „Die bleede Weiber da! Die waren ja so blöd, die haben einfach keinen Ultraschall bei mir gemacht! ‚Das ist halt ‘ne IGEL-Leistung‘, haben die gesagt. Sag‘ ich: ‚Mir egal, ich zahl‘ das!‘ Aber ich hab‘ einfach keinen Ultraschall bekommen!! Mein früherer Gynäkologe hat immer einen Ultraschall gemacht. Der ist dann leider auch in Rente gegangen.“ Ich frage mich kurz, ob da eventuell ein Zusammenhang besteht, doch Frau Schwurblinger ist bereits bei seiner Nachfolgerin und redet sich erneut in Rage: „Die war ja dann auch so blöd! Die hat mir eine Spirale eingebaut [too much information, Anmerk. d. Red.], und die hat so wehgetan, wie Wehen [LALALALALA…, Anmerk. d. Red.]! Und die hat gleich am Anfang zu mir gesagt: ‚Sie sind halt in den Wechseljahren.‘ – Jetzt frag‘ ich Sie: Woher will die das wissen??“ Mir liegt eine Antwort auf der Zunge, aber Frau Schwurblinger führt schon aus, was sie wollte und ihr ungerechterweise vorenthalten wurde: „Ich wollte halt ein großes Blutbild, der alte Frauenarzt hat immer eins gemacht, und ich wollte halt wissen, wie meine Hormone sind, aber nee, hat die nicht gemacht! Jetzt hab‘ ich ja keine Blutungen mehr [Gnade!!! Anmerk. d. Red.], bin ich auch froh drum, das vermisse ich wirklich nicht.“ Statt etwas zu erwidern, frage ich mich, wie lange eine Fahrt durch Lingendingen dauern kann.

„Ach ja, und mein Zahnarzt“, fährt Frau Schwurblinger unbeirrt fort, „der hat ja auch aufgehört, der war auch so super!“ Sie hat sie alle verschlissen, denke ich, und wenn sie nicht sofort aufhört, werfe ich mich aus dem fahrenden Auto. Glücklicherweise erreichen wir in diesem Moment die Frauenklinik und ich rette mich in den sicheren Hafen der Onkologischen Ambulanz. Hier kann ich mir nun in aller Ruhe die nächsten drei Stunden ein paar gepflegte Infusionen reinlöten und mich von diesem verbalen Tornado erholen – bis zur Rückfahrt.

7 Kommentare

  1. Vielleicht musst Du paradox intervenieren. Bei der nächsten Fahrt schon anfangen zu reden, bevor Du einsteigst und Ihr dann wie ein Turbo-Fön alle Nebensächlichkeiten Deines Lebens auf einmal einschenken! Besonders wichtig: Jeden Dialog im Wortlaut wiedergeben! Da sach ich…und dann sacht er …und dann wieder ich…
    Die Suchtberaterin empfiehlt vorher eine ordentliche Nase Koks oder Speed!

    1. Da ist grundsätzlich was dran. Bei Frau Schwurblinger bin ich mir allerdings nicht sicher, ob sie auch nachdem sie gehört, was sie gesagt hat, weiß, was sie denkt. Ich vermute mittlerweile vielmehr, sie gehört zum Geheimbund der Toleranztester*innen (TT), die sich gerne undercover und in den verwegensten Erscheinungen unter unbescholtene Mitmenschen mischen, um zu sehen, was die so aushalten.

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