Bestrahlung mit Boost

Ein Oberkörper wie eine öffentliche Klowand – sexy ist anders.

Nach fast einem Jahr Krebsstress geht mir allmählich jeglicher Antrieb flöten. Ich bin müde, erschöpft, gereizt, habe schlechte Laune und will so schnell wie möglich in eine Reha, Anschlussheilbehandlung, was auch immer, nur raus hier. Ich will keine Behandlungen mehr, weder Bestrahlungen, Infusionen, Arzttermine, Blutabnahmen noch EKGs oder Taxifahrten, ich will keine Überweisungen und Rezepte mehr abholen und einlösen, Anträge stellen, Kollateralschäden wie trockene Haut, taube Füße und überstreckte Kopfgelenke versorgen, ich will nicht mehr einkaufen, kochen, Wäsche waschen, gar nichts, meine Motivation hat fertig, es reicht. Hotti, die mitten im Abitur steckt und sich wirklich wacker schlägt, und Lotti, die seit Dezember bravourös ödestes Homeschooling meistert, brauchen Betreuung, Ansprache, Cheerleading und Mittagessen, ich brauche nur noch Ruhe. Ich will nicht mehr betüddeln, ich will selbst professionell betüddelt werden, und zwar rund um die Uhr und ohne ein schlechtes Gewissen haben zu müssen, weil ich gerade meine Liebsten verschleiße, die alle selbst genug um die Ohren haben.

Seit vier Wochen ist täglich Murmeltier- bzw. Bestrahlungstag. Jeden Tag fahre ich mit Chéris E-Bike oder bei schlechtem Wetter mit dem neuen (!) Taxi-Unternehmen die vier Kilometer den Berg hinauf in die Radioonkologie und hole mir meine tägliche Dosis Strahlen ab. Ich begrüße jeden einzelnen Fisch im Wartezimmer-Aquarium, warte, bis ich aufgerufen werde, mache mich in der Umkleidekabine „obenrum frei“, erklimme die Bestrahlungsliege, strecke Kopf und Arme nach hinten und lasse mich von den MTAs mittels Laser in Position bringen. Zu diesem Zweck wurden bereits vor Wochen mit grünem und schwarzem Edding Markierungen auf meinen Oberkörper gezeichnet, ähnlich einem Fadenkreuz, und mit wasserfesten Duschpflastern überklebt, ich sehe aus wie eine öffentliche Klowand. Sexy ist anders. Danach alles wieder rückwärts und nach Hause aufs sichere Sofa.

Meine Fisch-Kumpels aus der Radioonkologie.

Immer schön die Fahne hochhalten

Der 1,5-Tesla-Hochpräzisions-Magnetresonanz-Linearbeschleuniger.

Die Bestrahlung selbst ist dabei nicht weiter wild: Sie dauert jeweils schlappe drei Minuten, während der der 1,5-Tesla-Hochpräzisions-Magnetresonanz-Linearbeschleuniger (Grüße an die Enterprise) um meinen Torso fährt, Photonen auf meine ehemalige Tumorregion schießt und so prophylaktisch erneute Krebszellenbildung verhindert. „Mit Boost“ bedeutet dabei so viel wie „mit Wumms“, also erhöhte Strahlendosis in weniger Zeit. Von allen beim Aufklärungsgespräch aufgeführten potenziellen Nebenwirkungen wie Müdigkeit, offenen Hautreizungen, Hautverfärbungen und -verhärtungen, Ödemen, Herzrhythmusstörungen oder Schädigung der Lunge tritt glücklicherweise keine ein. Dafür bekomme ich nach etwa einer Woche unerträgliche Kopfschmerzen, die jeden Tag schlimmer werden, und Schwindel. Zunächst denke ich leicht hysterisch über potenzielle Spätfolgen meiner ersten AstraZeneca-Impfung nach, dann über Strahlungsschäden oder neurologische Störungen, bis schließlich eine MTA das Rätsel löst: Beim Liegen während der Behandlungen habe ich mein Kopfgelenk überstreckt, sodass ich jetzt auch noch zweimal die Woche zur Physiotherapie gehe. Immerhin keine Hirnvenenthrombose, das ist doch schon mal was, und von insgesamt achtundzwanzig Bestrahlungen habe ich nunmehr siebzehn hinter mich gebracht, ein Ende ist also in Sicht, immer schön die Fahne hochhalten.

Ansonsten ist noch zu vermelden, dass ich im Rahmen der Bestrahlung an einer dreiarmigen (wow) Studie namens „OnkoFit“ teilnehme, die herausfinden möchte, welchen Einfluss Strahlung auf die Fitness bzw. Unfitness der Patient*innen hat. Patient*innen in Arm A bekommen dabei ein wöchentliches Trainingsziel sowie einen Fitnesstracker, der die körperliche Aktivität dokumentiert. Patient*innen in Arm B bekommen einen Fitnesstracker ohne Trainingsziel, und Patient*innen in Arm C bekommen gar nichts und sind sozusagen die blinde Vergleichsgruppe. Die Zugehörigkeit zu den verschiedenen Armen wird ausgelost, ich lande in Arm C und muss quasi nichts machen. Jede Woche werden wir nun per Testbögen befragt, wie es um unseren physischen und psychischen Zustand bestellt ist, unsere Blutwerte werden dreimal extra ausgewertet und wir bekommen mehr Nachsorge. Das geht schon fast in Richtung professioneller Betüddelung, die ich so dringend brauche, und was tut man nicht alles für die Wissenschaft, eine Win-Win-Situation. Und am Montag stelle ich sowas von meinen Antrag für die Anschlussheilbehandlung.

7 Kommentare

    1. Ahoi lieber Engel! What doesn’t kill you, makes you stronger. Und es winkt ja jetzt endlich der Allgäu-Strohhalm…

  1. Dankeschön
    Und noch Kraft für die nächste Zeit der Strahlenabholung!
    Drücke die Daumen für einen Superguten Rehaplatz gleich im Anschluss!!!!
    LG Linde

    1. Liebe Linde,
      vielen Dank für die mentale Unterstützung! Rehaplatz hat sich direkt am Montag gefunden – es geht ganz bald ins Allgäu :). Mit diesem Strohhalm als Aussicht lassen sich die letzten Strahlungen nahezu mit links absitzen…
      Viele Grüße
      die aktuelle

  2. AU Backe!!! Wie sehr fiebere ich mit, auf dass Dir endlich die allerbestmöglichcalifragistischste REHA von der Welt angediehen werden möge. Ich drücke alle Daumen!!!!
    Und nicht vergessen: wirschaffendas!
    liebe Grüße
    jokoloko

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