Jetzt ist er weg – W E G!

…und mein Körper ist wieder allein, allein, nämlich komplett ohne Drecksack! Das ist ganz fantastisch und wir sind alle froh. Aber der Reihe nach.

Im Tiefflug durch Weihnachten

Mitte Dezember gehe ich allmählich in die Knie. Mein Energielevel tendiert gegen null, außer Glotzen, Gammeln und der Teilnahme an Online-Adventskalendern geht nicht mehr viel. Als ich auch noch einen Zeitungsartikel über zwei nicht gar so alte Frauen im Hospiz lese, die ihren Krebs zunächst gut weggesteckt hatten, dann jedoch wieder daran erkrankten, diesmal unheilbar, ereilt mich – trotz anhaltender und rührender Geschenke- und Grußflut – ein mittleres Tief. Ich frage mich, wie ich in meinem jugendlichen Leichtsinn je davon ausgehen konnte, dass alles wieder gut wird und ich diesen ganzen Spuk überleben werde. Was, wenn diese ganze Tortur vergebens ist und der Drecksack in zwei, drei Jahren zurückkehrt? Ich bin völlig erschöpft und kann und will nicht mehr, beim Gedanken an die nächste Chemo möchte ich nur noch davonlaufen. Stattdessen mache ich ein Beratungsgespräch beim Psychoonkologischen Dienst (POD) aus, und auch wenn es erst in vier Wochen einen freien Termin gibt, hilft die Aussicht darauf fürs Erste und ich kann wieder geradeaus denken.

Nach dieser Talsohle widmen wir uns der Weihnachtsbaumfrage. Chéri, Hotti und ich brauchen eigentlich keinen, Lotti eigentlich schon, und da dieses Jahr schon frustrierend genug ist, sie ohnehin ständig tapfer sein muss und der Klimawandel nicht an diesem einen Baum hängt, erwerben wir eine glückliche Bio-Blaufichte aus dem Himbeertal, den Hotti und Lotti unter Gezeter – „AU!“, „DIE PIEKST!!“, „AUUAA!!!“ – in die Küche schleppen und pompös herrichten.

Sing Halleluja!

Zwei Tage vor Heilig Abend hole ich mir die vorletzte Chemo-Dröhnung in diesem bescheidenen Jahr ab, danach rolle ich mich unter der Bio-Fichte zusammen und lasse die Tage an mir vorbeiziehen. Chéri erteilt mir unbefristetes Kochverbot und rockt die Küche, Fanta liefert – auch in den Ferien – mittwochs verlässlich ein warmes Essen, und Hotti und Lotti gelingt heuer eine besondere Überraschung, indem sie mir ausnahmsweise ein fertiges Präsent überreichen. Am Dienstag nach Weihnachten bekomme ich dann neben den letzten Infusionen für dieses Jahr das schönste Geschenk, nämlich einen Ultraschall mit dem wunderbraren Zwischenbefund, dass der Tumor nicht mehr auffindbar sei. Der Drecksack ist weg, hat sich in Luft aufgelöst, ist einfach nicht mehr da, „Komplettremission des bekannten Mammakarzinoms“, und ich könnte heulen vor Erleichterung. Sing Halleluja, wieder einmal!

Die weiteren Tage verlaufen wieder recht ereignisarm. Da ich im zytostatischen Delirium vor mich hindämmere, backt Hotti für Lotti den Geburtstagskuchen, Lottis Freundinnen und Fanta bereiten ihr eine herzerwärmende coronakonforme Bescherung vor der Haustür, und Silvester geht auch irgendwie vorbei.

Das Ende der Durststrecke

Das neue Jahr beginnt nicht nur mit Hitzewallungen, sondern infolge der Paclitaxel-Behandlungen auch mit ein paar tauben Zehen und kribbelnden Fingern. Mein Körper hat ganz offensichtlich genug. Eine Chemo-Sitzung nehme ich noch mit, dann brechen wir ab: Die Taubheitsgefühle nehmen zu, der Tumor ist weg, und so bleiben mir vier Vergiftungstermine mit dem gallischen Zaubertrank erspart, um die ich wirklich nicht traurig bin. Es werden zwar noch einige andere Behandlungsetappen folgen, aber diese deuchen mir vergleichsweise händelbar.

Nach der langen Chemo-Durststrecke nimmt das Ganze wieder an Fahrt auf: Wir wiederholen MRT, Mammografie und Ultraschall, und das Ergebnis ist überall dasselbe: Der Drecksack ist weg. So machen wir in der Brustsprechstunde einen Termin für die anstehende Operation aus, bei der das ehemals verkrebste Gewebe, das Doc Huhn vor Monaten mit Innen-Piercings markiert hatte, endlich entfernt wird. Von den zwei Piercing-Clips findet die lustige Ärztin beim Ultraschall zwar nur noch einen; dass der andere in den unendlichen Weiten meiner Milchgänge verloren gegangen sein sollte, hält sie jedoch für unwahrscheinlich: „Spätestens bei der OP finden wir den wieder!“ Wie schön, das Haus verliert nichts.

10 Kommentare

    1. Salut Christof, vielen Dank, virtuell zurückgedrückt! Oh der Cheri hat kulinarisch tatsächlich so Einiges drauf. Diesen Monat brillierte er mit Borschtsch, Linsen und Spätzle, Sauerbraten, Knödeln, Falafel mit diversen Dips u.v.m. Warum fragst Du?

  1. Lieber jokoloko, auch Dir und Deinen Lieben den herzlichsten Dank fürs unentwegte Daumen-Finger-Zehen-Drücken – ich hoffe, die Blutzufuhr stimmt noch ;)! Und: Ihr seid ein Wahnsinnssupport!!!

  2. Liebe aktuelle, das ist die aktuell coolste Frohe Botschaft seit Bethlehem!!! Ein Hoch auf die Tanne und Prosit auf Alles Neue!!! Wir drücken weiter alle verfügbaren Daumen, Finger und Zehen!

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