Taxi Driver – DON’T! (Teil 2)

Reden ist Schweigen – Silber ist Gold. (Robert Gernhardt)

Bei meiner nächsten Fahrt in die Klinik chauffiert mich ein schmieriger älterer Mann mit fettigen Haaren und einer Brille aus Glasbausteinen. Er dreht sich zu mir um und fragt mit riesigen Augen: „Naaa…? Sind Sie jetzt auch in den Fängen der Frauenklinik gelandet…?“ Bei der ersten Ampel legt er eine Vollbremsung hin, denn sie ist rot: „Oh hupsi, die war gestern aber noch nicht da!“ Es ist wirklich schwer, gutes Personal zu finden, und wenn nicht Januar und ich so malad wäre, würde ich auf der Stelle aussteigen und laufen.

Auf der Rückfahrt holt mich dann wieder die Chefin höchstselbst ab. In der Hoffnung, Frau Schwurblingers naturgewaltigen Redefluss wenn nicht schon zu stoppen, so doch wenigstens nicht auch noch zu füttern, habe ich mir fest vorgenommen, bei unserer nächsten gemeinsamen Fahrt gar nichts mehr zu sagen und ihre Beiträge gelassen an mir vorbeirauschen zu lassen. Als ich einsteige, befindet sie sich noch im Gespräch mit einem ihrer Mitarbeiter, der durch ihr heruntergekurbeltes Autofenster die nächsten Fahrten mit ihr bespricht. Kaum ist das Fenster oben, lästert sie: „Meine Güte, jetzt ist der schon so lange hier und kriegt immer noch keinen ordentlichen Satz auf Deutsch hin!“ Innerlich erwidere ich: „Jetzt fahren Sie mich schon so lange durch die Gegend und bekommen immer noch keinen Satz mit vernünftigem Inhalt hin!“ Danach regt sie sich über Senior*innen und Bartträger*innen auf, die „nicht in der Lage“ seien, ihre Maske „ordnungsgemäß“ zu tragen. Ich denke an unsere erste Fahrt, bei der sie selbst die Maske nur widerwillig aufzog und das auch nur über den Mund, aber ich sage nichts und starre eisern aus dem Fenster. Diesmal kriegt sie mich nicht!

Steile Thesen, haltlose Behauptungen

Frau Schwurblinger allerdings scheint Lunte gerochen zu haben. Intuitiv packt sie nun eine ganz steile These aus und weiht mich in eine ihrer jüngsten Beobachtungen ein: „Die Chemopatienten, die sind ja immun gegen Corona!“ Mist, sie hat mich. Ich werfe ein, dass Chemopatient*innen immunsupprimiert und damit tendenziell anfälliger für alle möglichen Infekte seien. Davon will sie jedoch nichts wissen: „Nee, weil ich hab‘ das jetzt schon bei zwei jungen Frauen gesehen, die ich fahre, also Jugendliche, die Chemo bekommen, und da hatten die Mütter jeweils Corona, und die Töchter haben sich aber nicht angesteckt – das ist doch der Hammer, oder?? Da muss es doch einen Zusammenhang geben!“ Unnötigerweise erwidere ich, dass das Infektionsgeschehen ja insgesamt recht unsystematisch verlaufe und… „Ja, aber trotzdem“, unterbricht mich Frau Schwurblinger triumphierend, „die Mütter hatten’s und die Töchter hatten’s nicht! Da muss doch was dran sein! Ich hab‘ das auch meiner Hausärztin erzählt und wissen Sie, was die gesagt hat?“ Ich bin total gespannt. „,Interessant!‘, hat die gesagt! Also, dann MUSS doch was dran sein!“

Beim nächsten Tagesordnungspunkt geht es um die Corona-Politik der Bundesregierung, ein weites Feld. Frau Schwurblinger ist nicht zufrieden und geißelt Heiko Maas für seinen Vorschlag, geimpften Menschen womöglich Vorteile einzuräumen: „Das geht ja überhaupt nicht! Außerdem reicht‘s jetzt auch mal mit dem Corona-Scheiß da, also ich hab‘ jetzt wirklich die Nase voll.“ Unbelehrbar verweise ich auf die Impfungen, die ja nun angelaufen seien und im weiteren Jahresverlauf eventuell eine gewisse Normalität erwarten lassen könnten. Jetzt ist Frau Schwurblinger wieder richtig in Fahrt, ihre Stimme überschlägt sich: „Ach was, da haben die doch viel zu wenig Impfstoff bestellt, das reicht ja hinten und vorne nicht! Und bis wir dann drankommen, dauert es sowieso noch ewig, mindestens bis zum Sommer, und dann ist eh nix mehr da!“ Offenbar ist die Ärmste an Mangelerfahrungen gewöhnt, sie ist ein Fass ohne Boden. Wir biegen in meine Straße ein und für die nächste Fahrt notiere ich innerlich mit dickem roten Edding: „DON‘T!!!“

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