Habemus Abi!

(© Titel: Chéri, in Anlehnung an die Papstwahl)

Wir freuen uns über alle Maßen, folgende große Freude verkünden zu können: Wir haben Abitur! Genauer gesagt: Die herausragendste und hochwürdigste Erstgeborene der aktuellen, welche ihr den Namen Hotti gegeben hat, hat die Reifeprüfung erfolgreichst bestanden.

Drei Jahre schwelte der Oberstufen-Rauch über dem Hause aktuelle, mal grau, mal schwarz, mal regenbogenfarben. Während dieser Zeit wurden nicht nur unzählige Tränen vergossen und getrocknet, zahlreiche Kämpfe ausgefochten und beigelegt, sinnvolle und -lose Inhalte gelernt sowie erfolglose und -reiche Klausuren geschrieben, sondern auch der Landkreis Lingendingen überschritten, ein Kulturschock überwunden sowie eine Pandemie und eine mütterliche Krebserkrankung überstanden. Schließlich stieg letzte Woche dann weißer Rauch auf, und Hotti verkündete neben ihrem Einser-Abitur und einer damit einhergehenden Belobigung auch gleich noch einen Preis für glänzende Informatikleistungen sowie einen FSJ-Platz in der Marseillaise. Keine halben Sachen!

Blood, Sweat & Tears

Als Hotti in die Schule kam, testete sie erst einmal gründlich die Nerven und Grenzen ihrer zwei Klassenlehrerinnen, denen es mittels aufwendiger reformpädagogischer Arbeit gelang, ihr die schulischen Grundregeln zu vermitteln, sodass sie schon in der zweiten Klasse festhalten konnten: „Hotti hat eine riesige Entwicklung gemacht. Sie fühlt sich sehr wohl, arbeitet tüchtig und konzentriert.“ Dafür danken wir Frau Meier und Frau Müller heute auf Knien. In der fünften und sechsten Klasse vergaß die vorpubertäre Hotti vorübergehend ihre guten Manieren wieder und wechselte in der siebten Klasse auf eine Schule auf Walter Ost. Daran reizten sie vor allem das Busfahren und Mal-Rauskommen aus der Enge der Lingendinger Südstadt. Es folgten – glücklicherweise – nahezu ereignislose Schuljahre, bis es ab der zehnten Klasse aus verschiedenen Gründen für lange Zeit sehr bleiern und finster wurde und weder Hotti noch ich sicher sein konnten, wie das wohl alles ausgehen würde.

Die Oberstufe verbrachte Hotti dann auf einem sozialwissenschaftlichen Gymnasium im benachbarten Landkreis Schneutlingen. Dort erlitt sie einen Kulturschock vom Feinsten, beispielsweise wenn ihre Klassenkolleg*innen aus den umliegenden Dörfern starken Dialekt sprachen, auf einen „geilen Golf“ sparten oder am Wochenende „zum Saufen aufs Gütle“ gingen. Die Schneutlinger*innen befremdeten wiederum Hottis Hippietum, ihre abrasierten Haare, ihre Latzhosen, ihr Faible für Regenbogen-Flaggen, Sonnenblumen, Öko-Essen und Second-Hand-Kleidung („Ey, voll die Lingendingerin!“). Ich dagegen durfte fortan als Blaupause für Hottis neueste pädagogische und psychologische Erkenntnisse herhalten und kam über Jahre hinweg in den Genuss diverser Analysen unserer Mutter-Tochter-Beziehung, immerhin kostenlos. Während der Abiturvorbereitungen in den letzten Monaten erwies sich Hotti erstaunlicherweise als Ausbund an selbstbewusster Organisiert- und Strukturiertheit („Ich hab‘ schon alle Musteraufgaben gelöst und kann das eh alles!“), auch wenn die tagesaktuelle Stimmungslage nicht immer auf Anhieb von außen erkennbar war („Ich will mehr geschnuckelt werden und nicht, dass man mir aus dem Weg geht!!“). Letzte Woche nun fand die Zeugnisübergabe statt. Da der Hotti-Lotti-Papa in den letzten Jahren nicht häufig in den Genuss von Abitur samt Kollateralschäden gekommen war, durfte er, mit Lotti an der Seite, an meiner statt daran partizipieren.

Und nun? Geht Hottilein ganz allein in die weite Welt hinein, nämlich direkt in den Freiwilligendienst eines Brennpunkt-Jugendhauses an der französischen Mittelmeerküste, organisiert von ihr höchstselbst. Lotti trägt bereits jetzt schon innerlich Schwarz, da sie bald mit mir alleine wohnen muss. Ich hingegen bin unfassbar stolz auf meine Erstgeborene, wünsche Hotti aus tiefstem Herzen gelingendes Durchstarten und freue mich darüber hinaus schon auf mein neues Yogazimmer sowie wesentlich gechilltere Badezimmerzeiten 😉.

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