Mixed Emotions

Konnte es mir in den letzten Wochen gar nicht schnell genug gehen, endlich zur Reanimation nach Schneckeck zu kommen, unter anderem, weil mich nicht zuletzt die Versorgung von Hotti und Lotti inklusive royalem Haushalt und Homeschooling an den Rand der Erschöpfung gebracht hatte, breche ich am Morgen vor der Abreise in Tränen aus: Erstmals in unserem gemeinsamen Leben werde ich die Brut für mehrere Wochen sich selbst überlassen, mutterseelenalleine, von allen guten Geistern verlassen. (Wobei das tatsächlich mitnichten der Fall ist: Sowohl Tante Fanta, Ceylon und die Wagenburgerin als auch das nächstgelegene Wohnprojekt und Frau Erdinger haben großartigerweise angeboten, die Brut regelmäßig mit Essen und Spieleabenden zu versorgen!) Bei Hotti kann ich mir das Ganze noch schönreden; sie ist fast neunzehn, selbstständig und nach dem schriftlichen Abi mehr als gerne mit ihren Freund*innen unterwegs. Sie braucht mich altersadäquat zunehmend weniger und ist sicher auch nicht ganz unglücklich über wochenlanges Sturmfrei. Aber bei Lotti funktioniert diese Brille nicht; sie ist doch erst feine, kleine fünfzehn und damit quasi noch ein Baby, dem ich mehrfach täglich Halt, Struktur und Fürsorge angedeihen lassen muss. Diese Ambivalenzattacke erwischt mich kalt, das ist so ziemlich das Letzte, womit ich gerechnet hätte.

So gebe ich also Chéri, dem professionellen Familienhelfer, noch vor dem Frühstück heulend unzählige Kommandos, für was er bitte in meiner Absenz alles zu sorgen habe, sowie umfangreiche Gebrauchsanweisungen für die Brut, die Katzen, meinen Balkon und seinen Garten. Beim gemeinsamen Frühstück bombardiere ich dann Lotti mit äquivalenten Anweisungen, nur ergänzt um die Auflistung all der Personen, an die sie sich wenden können, wenn die Hütte brennen sollte, und den Zusatz, dass sie in meiner Abwesenheit auf Chéri zu hören haben, sollte er haushaltsmäßige Dinge zu beanstanden haben. Außerdem setze ich sie darüber in Kenntnis, dass Chéri ihnen jede Woche ihr Haushaltsgeld zuteilen werde. Lotti ist empört: „Das ist ja wie in der Mädchen-WG!“ So geht das dann den ganzen Tag weiter. Während ich meine diversen königlichen Koffer packe, verfasse ich zusätzlich noch eine umfassende Liste mit Dos and Don’ts, die mir für das Überleben der Kinder, Katzen und Topfpflanzen essenziell erscheinen, und tackere sie ihnen auf den Küchentisch. Zudem zwinge ich Lotti, ein „Herd aus!!!“-Schild zu basteln und über selbigem zu installieren (s. Bild oben), es ist nur zu ihrem Besten. Irgendwann schaut auch kurz der Hotti-Lotti-Papa vorbei, um mir zu versichern, dass ich beruhigt fahren könne: „Wir haben hier alles im Griff!“ Das erleichtert mich ungemein.

Zeit für meine Generalüberholung

Dann ist er da, der große Tag. Chéri-Harry fährt den Wagen vor, stopft meine zahllosen Gepäckstücke, Schuhe, Jacken und eine Sonnenblume im Topf in den Kofferraum, und ich drehe schier durch, weil ich doch nicht einfach gehen und loslassen kann, wo ich schließlich im Hause aktuelle unersetzlich bin. So säe ich mit Lotti noch schnell ein paar Butterblümchen und weise Chéri an, welche Blümchen er bitte alle noch säen solle. Wir fahren los, Lotti winkt lachend, und kaum, dass Chéri mich endlich in der Schneckecker Onko-Klinik aussetzt, breche ich schon wieder in Tränen aus. Es wird wirklich allerhöchste Zeit für meine Generalüberholung.

Zum Glück machen mir die freundlich-fürsorglichen Verwaltungstanten, Pflegerinnen und Ärztinnen das Ankommen sehr leicht. Mein Schneckenhauszimmer verfügt zwar weder über Balkon noch Alpenblick, dafür jedoch über Ruhe, Kuhweidenblick und Sonnenuntergangsaussicht. Als ich abends am Telefon von der leibhaftigen Lotti höre, dass sie noch am Leben ist, und ich am nächsten Tag eine sehr nette Tischnachbarin bekomme, höre ich auf zu hyperventilieren und ziehe in Erwägung, dass Schneckeck eine prima Sache, wenn nicht gar eine Erfolgsgeschichte werden wird.

Hier noch für die ganz Neugierigen Hottis und Lottis Survival-Liste:

Ein Kommentar

  1. das hört sich nach der aktuellsten Erfolgsgeschichte an, die ich kenne. Mit Tränen und alles. Wunderbra! Chapeaux so oder so!!!

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