Perfect Day

Am zweiten Wochenende meiner legendären Anschlussheilbehandlung in Schneckeck bekomme ich Besuch von Chéri und Lotti, und ich freue mich – ganz ironiefrei – riesig. Schon eine Stunde, bevor sie auf den von meinem Zimmer gut einsehbaren Parkplatz einbiegen könnten, klebe ich am Fenster und frage mich, wo sie nur bleiben. Als sie endlich anrollen, purzelt die grüngesichtige, weil reisekranke Lotti aus dem Auto und muss sich erst mal auf den Bordstein setzen, Chéri hingegen überreicht mir einen überdimensionalen Strauß Pfingstrosen, die er den Bienen in seinem Garten geklaut hat. Nachdem Lotti sich wieder gesammelt hat, knutsche ich sie stürmisch ab und bekomme im Gegenzug von ihr eine Tasche mit georderten Dingen, die mir für die kommenden Wochen im Exil unentbehrlich erscheinen: Pflaster, Schlaftee, ein Locher, meine Schneckenmuschelohrringe sowie das bezaubernde selbstgemachte Armband von Frau Zorn.

Lotti im Unwahrscheinlichkeitsdrive

Nach der stürmischen Begrüßung bummeln wir zunächst durch die Schneckecker City, entern eine Boutique, die ich ohne Lotti im Leben nicht betreten hätte, und kaufen mir ein zartes Feenkleidchen sowie ein entzückendes Flatterärmelblüschen. Wenn mein Körper schon keine Östrogene mehr produzieren darf, will ich ihn wenigstens mit ein paar femininen Wallawalla-Fummeln und glamourösen Deko-Elementen aufhübschen. Danach wackeln wir zum Schneckecker Bücherstädele – einem öffentlichen, begehbaren Bücherschrank, dem man gegen eine Spende großartige alte Schinken entnehmen kann –, vor dem wir hinter einem überlebensgroßen Bilderrahmen zauberhafte Tourifotos machen. Lotti sucht sich einen Bildband übers Tanzen aus, wir überreden sie jedoch, ihn erst später mitzunehmen, da sie ihn ja nicht die ganze Zeit mitschleppen möchte und ausgerechnet diesen einen speziellen Bildband sicher niemand in der Stunde mitnimmt, in der wir unterwegs sind.

Wir bummeln weiter zum nächsten Schnuckelcafé, in dessen Bilderbuch-Gärtchen wir uns mit Torte, Kaffee und Limonade niederlassen, schlemmen, plauschen und tauschen die brandaktuellen Top-Informationen aus der Lingendinger Heimat und meinem Schneckecker Schlupfloch aus. Lotti hat ein komisches Gefühl und geht doch noch mal zurück zum Bücher-Städele, wo sie gerade noch einer Frau dabei zusieht, wie diese stolz den von Lotti zurückgelegten Bildband übers Tanzen aus der Hütte trägt. Fassungslos kehrt sie zu uns zurück, berichtet über den ihr soeben widerfahrenen Unwahrscheinlickeitsdrive und überhäuft uns mit Vorwürfen. Chéri deeskaliert, indem er binnen drei Minuten den Tanzschinken auf irgendeiner Second-Hand-Bücherplattform klarmacht und bestellt. Das war knapp.

Mit Norman Bates im Wald

Danach zuckeln wir zu den Schneckecker Wasserfällen, wo uns, völlig entwöhnt durch monatelange Corona-Bedingungen, die schiere Menge an Menschen erschlägt. Wir bestaunen die Wassermassen, waten barfuß durch den Bach, und Chéri, befeuert durch diese taktile Sensation, wiederholt ungefähr fünfmal, dass wir dieses Jahr aber wirklich unsere schon ewig ausstehende Bachwanderung machen werden. Lotti überrascht mich mit ungewohnter Tiefenentspannung, Chéri damit, dass er auf dem Rückweg gerne die längere Strecke erwandern möchte. Diese führt durch den Wald, und als der Weg vermeintlich endet und wir schon ans Umkehren denken, zieht ein älterer Waldschrat mit Hund an uns vorbei, versichert uns, dass es hier weitergehe, und lockt uns in die zwar unwegsame, jedoch wunderschöne Wildnis. Ich denke sofort, dass das ein irrer Serienmörder ist, der uns naive Touris zu seiner Hütte schleppt, dort mit Kettensägen zerlegt, abnagt und unsere Knochen zu den anderen Skeletten wirft. Völlig unerwartet führt uns der Killer jedoch zu einem weiteren, verborgen liegenden Wasserfall, erläutert uns den Weg zurück ins Dorf und verschwindet samt Hund im Gestrüpp. Als ich anschließend Chéri und Lotti von meinem finsteren Film erzähle, platzt es aus Lotti heraus: „Jaaa!!! Ich dachte, Ihr seid völlig irre, dass Ihr einfach mit dem mitlauft, Ihr kennt den doch gar nicht! Ich hatte die ganze Zeit Steine in der Hand, damit ich den sofort hätte abwerfen können!“ Chéri lacht sich schlapp über unsere blühende Fantasie und erklärt uns, dass das lediglich ein pensionierter Gymnasiallehrer aus Blindenberg gewesen wäre. In Lottis und meinen Augen beweist das jedoch gar nichts, im Gegenteil, der Mann hat höchstwahrscheinlich sehr viele sehr schlimme Jahre hinter sich.

Alles nicht so einfach

Es stellt sich heraus, dass der kürzeste Weg zurück nach Schneckeck direkt über eine Bullenweide führt. Zwar ist weit und breit kein Bulle zu sehen, aber ein Schild am Zaun warnt ausdrücklich: VORSICHT FREILAUFENDER BULLE! WEIDE NICHT BETRETEN! Chéri und ich würden das Risiko auf uns nehmen, Lotti allerdings wird heute erstmals bockig und weigert sich, die Wiese zu queren. Der Bulle könnte sich schließlich irgendwo versteckt halten und uns auflauern; der Trip mit dem Serienkiller war offensichtlich zu viel für sie. Also halten wir kurz an, essen Hafer-Kirsch-Kekse, die uns Koala freundlicherweise überlassen hat, da sie ihr zu vollkornig waren, Chéri orientiert uns, und Lotti möchte aus nicht mehr nachvollziehbaren Gründen Gedichte von Eugen Roth zitieren, was ihr – in Anlehnung an Walther von der Vogelweide – den Spitznamen Lotti von der Bullenweide einbringt. Danach geht es weiter, hübsch um den aggressiven, unsichtbaren Bullen und seine Weide herum.

Wider Erwarten gelangen wir wohlbehalten in die Zivilisation zurück, gehen im Fünfländerblick (Bayern, Baden, Württemberg, Liechtenstein, Vorarlberg) essen und drehen noch eine Runde auf dem Höhenweg. Wir bewundern die schönen Schnallgäuer Kühe sowie die Aussicht auf Bodensee und Alpen, die nach dem Essen wieder entspannte Lotti kugelt sich übermütig einen Hügel hinunter, Chéri studiert die topografische Karte und doziert ein bisschen, eine vorbeiflanierende Touristin macht Fotos von uns dreien, und dann ist dieser ganze wunderbrare Besuchstag auch schon wieder vorbei. Als die beiden ins Auto steigen, bekomme ich einen furchtbar dicken Kloß im Hals und schreckliches Heimweh und erwäge, mich kurzerhand in den Kofferraum zu werfen. Stattdessen krieche ich in mein Schneckenhauszimmerchen zurück und versuche, mich über die doch so lange ersehnte Stille zu freuen. Alles nicht so einfach.

6 Kommentare

  1. Liebe aktuelle,
    coole Folge; und wann erscheint der ganze Band mit Hardcover und allem, was ein Buch so hergibt? Lass Cheríe doch mal ein wenig in diese Richtung auf seinem Schmartfon recherchieren. Für sowas gibt`s doch jede Menge Verlage. Ich stell mir da „Kein&Aber“ vor. Aber bitte mit allen Illustrationen!
    Alles Gute weiter in Schneckeck!

  2. Aber angesichts solch bedrohlicher Situationen kann ich nun nachvollziehen, dass Lotti nicht nochmal mit nach Schneckegg möchte.
    Die Zucchinikeule nehm ich sicherheitshalber mal mit!

  3. Na ja, immerhin hatte der Schrat ja offensichtlich den gleichen Film, wies er doch wiederholt darauf hin, dass der Weg hier WIRKLICH weiterginge und WIRKLICH alles in Ordnung wäre… Aber klar: Zumindest ich hätte nicht in Sorge sein müssen: Lotti hätte einen knallharten Killer mit Steinen beworfen und Chéri hätte den Rest übernommen. Das nächste Mal lehne ich mich einfach entspannt zurück.

  4. Dabei bestand überhaupt kein Anlass zur Sorge: Cheri war schließlich dabei, und hätte bei solcherlei Anlässen natürlich mal wieder den Superhelden (siehe 2013) ausgepackt, Wilde Bullen, Waldschrate, Wasserfälle – so what?

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