French Connection

Savoir vivre!

Da Hotti nun seit geraumer Zeit in der Marseillaise weilt und uns drei Zurückgebliebenen der deutsche Winter inzwischen gehörig auf die Nerven geht, wird es allerhöchste Zeit für einen Besuch an der französischen Mittelmeerküste. Also stopfen Chéri und ich das Auto randvoll mit teuren Bio-Naturalien für das arme Kind in der Ferne, Lotti baut sich eine Reisegold ein, und wir brettern durch bis in die Ferienwohnung beim Alten Hafen – allez les Bleues!

Confidence, Leute!

An Tag 1 müssen wir allerdings zunächst einmal ohne die Erstgeborene losziehen. Hotti leidet noch an den Spätfolgen der Party nachts zuvor und ist erst am späten Nachmittag imstande, uns in ihrer ersten Wohngemeinschaft zu empfangen. Doch dann bewirtet sie uns gut gelaunt mit Tee und Lauchquiche, die sie in Ansätzen vorbereitet hat (Chéri und ich müssen nur noch Lauch und Zwiebeln schneiden), und erläutert uns lächelnd die Schrullen ihrer zwei französischen Mitbewohner, die im selben Zimmer auf dem Sofa herumhängen, Fußball schauen und kein Wort von dem verstehen, was über sie geredet wird.

Am nächsten Morgen kommt Hotti zum Frühstück in unser Appartement, spendiert Baguette, Croissants und Pains au chocolat und präsentiert eine elaborierte Liste mit Urlaubsaktivitäten, die sie mit uns zu tun gedenkt. In ihrer neuen Rolle als Touriguide zeigt sie uns fortan ihre Lieblingsplätze am Meer, führt uns souverän von Notre Dame de la Garde zum einst größten Drogenquartier in der Marseillaise, das sich mittlerweile zum Szeneviertel gemausert hat, und erläutert uns, wo es die günstigsten Burger und Biere gibt. Zudem überrascht sie mit einem urbanen Verkehrsverhalten, das ich ihr mit Sicherheit nicht beigebracht habe. Im blinden Vertrauen darauf, dass die Fahrzeughalter*innen ihr jeweiliges Gefährt schon rechtzeitig zum Stehen bringen, wirft sie sich zwischen Autos, Busse und E-Roller, und während wir anderen noch brav am Zebrastreifen warten, ruft sie uns grinsend von der anderen Straßenseite zu: „Confidence, Leute!“

Das Rad der Zeit

Auch bei der Wanderung durch die Schnalonques, den angrenzenden Nationalpark, übernimmt sie lässig die Führung und lotst uns mit den Öffis in die Wildnis und wieder hinaus. Sie managt sämtliche Konversationen, wo wir Touris trotz VHS-Kurs an unsere sprachlichen Grenzen stoßen, und lehrt uns französische Jugendsprache (Wesh – on y go!). Diese Rollenverkehrung führt mitunter dazu, dass Chéri und ich bei längeren Strecken quengelig bis infantil werden, aufs Klo müssen und nach Eis und Pizza verlangen. Um meiner Mutterrolle zumindest äußerlich wieder gerecht zu werden, spendiere ich Hotti im Gegenzug ein paar ehrliche Laufschuhe sowie solide Haushaltsgegenstände. Das Rad der Zeit…

Abgesehen davon, dass es Chéri aufgrund der Parkplatzsituation mehrfach kurz den Vogel raushaut, weil man unter normalen Umständen niemals mit dem Auto in eine Großstadt fahren sollte, zumal die Zugverbindung in diesem Fall nur wenige Wünsche offen lässt, werden die nächsten Tage ganz wunderbra: Es ist warm, wir bummeln durch die Viertel dieser krassen Stadt, besichtigen Kathedralen, das MUCEM, Savonnerien, Street Art und Kleinkriminelle, trinken Café au lait, begründen mit der Pizzaverkäuferin eine deutsch-französische Freundschaft und shoppen provençalische Geburtstagsgeschenke für Chéri. Lotti übernachtet erstmals in der WG ihrer großen Schwester, während Chéri und ich abends unserer aktuellen Lieblingsserie frönen. Gegen Ende der Woche entdecken wir die Grenouille-Inseln, die direkt vor der Marseillaise liegen, ergötzen uns am türkisfarbenen Wasser, und während in Deutschland derzeit noch jedes Schneeglöckchen persönlich begrüßt wird, lassen wir uns hier die Sonne auf den Pelz scheinen und rangeln mit den Möwen um die besten Felsenplätze. Dann wird es Zeit, Abschied zu nehmen, schließlich muss Hotti wieder feiern gehen und wir nach Hause. Aber eines steht fest: Wir kommen wieder – à bientôt et au Renoir!

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