Black Attack oder: Herzgrippe III

In gewisser Hinsicht war 2010 das Jahr der großen Herzenslektionen. Nach Herzgrippe I (Sich verlieben) und Herzgrippe II (Sich aus Verliebtheit zum Vollhonk machen) schließen wir an dieser Stelle unsere launige Reihe folgerichtig mit Herzgrippe III (Vor die Hunde gehen vor Liebeskummer): Man will seine Ruhe und auf keinen Fall alleine sein. Man möchte niemanden hören und sehen und befürchtet in den eigenen vier Wänden durchzudrehen. Man erträgt keine Stille, man erträgt keine anderen Leute und das Fernsehprogramm erträgt man schon gar nicht.

Eigentlich ist alles unerträglich

Eigentlich erträgt man gar nichts. Man will keine Dramen sehen, Happy Ends noch viel weniger. Was man aber überhaupt nicht sehen will, sind Pärchen, erst recht keine glücklichen. Der selektiven Wahrnehmung entsprechend besteht die Welt allerdings offenbar nur noch aus strahlenden Katalogfamilien, wo die Rama-Frau morgens mit dem Fahrrad das Frühstück in den Garten fährt und auch ansonsten alles so super läuft, so dass man selbst sich vorkommt wie der letzte Idiot im Universum, der keine Beziehung auf die Reihe bekommt, quasi aussätzig.

Man möchte niemandem unter die Augen treten. Man möchte zurück ins Tragetuch und eine Mama, die „Heileheilesegen“ singt. Man möchte schlafen, und zwar so lange, bis bitte endlich alles vorbei und wieder gut ist. Das Problem: Man kann nicht schlafen. Man möchte sich morgens um sieben Uhr ein Bier aufmachen und ein zweites gleich um acht. Man möchte saufen, heulen, zähneklappern. Mittleres tut man gerne, oft und unvermittelt, wenn man nicht gerade wie versteinert vor sich hinstarrt. Den Versuch, an normalen Unterhaltungen zu partizipieren, braucht man gar nicht erst zu unternehmen. Richtig gut wird das Ganze gekoppelt mit einem ordentlichen Weihnachtsblues und der prämenstruellen Depressionsvorhölle – eine echte Traumkombination.

„Reanimieren!!“

Die Hoffnung, dass das eigene Herz sich möglicherweise eines schönen Tages nicht mehr anfühlen könnte wie gepfählt und tiefgefroren, existiert nicht. Stattdessen möchte man sein Herz in die Notaufnahme des städtischen Krankenhauses fahren und den Sanis ein panisches „Reanimieren!!“ zukreischen. Draußen ist weiße Weihnacht und drinnen ist es schwarz.

Sehr verbunden bin ich gegen Jahresende der ansonsten recht seltsamen neuen Synthiepoptruppe Hurts aus Großbritannien, die mir mit ihrem aktuellen Weihnachtsdepressionshit All I Want For Christmas Is New Year’s Day nicht mehr aus der Seele sprechen könnte: Happiness has never felt so far away.

2 Kommentare

  1. Liebe Junimondin, vermutlich haben Sie recht, und eine aufrechte und würdevolle Kapitulation vor dem Unausweichlichen ist jetzt die angezeigte Geisteshaltung. Aber ob selbst die Klageweiber diese Herzscheiße noch hören können, bleibt fraglich. Werde mich jetzt in den Winterschlaf begeben und mich morgen melden. Schön, dass Sie da sind. Buhuuu, d.a.

  2. Liebste aktuelle,
    ich kann mich an eine Zeit in meinem Leben erinnern, in der ich mich nach einer großen Liebesenttäuschung monatelang mindestens so gefühlt hab, als hätte mir jemand die Haut abgezogen, und alles an mir wäre wund und grässlich nackig. Das Highlight meines Tages war das Comiclesen auf dem Klo, und egal, wie viel ich gesoffen habe, es hat immer noch wehgetan.
    Habe gelernt, dass man leidet und leidet und leidet und gar nix tun kann, außer klagen, bis es irgendwann egal ist. Wäre also für ein Revival der Klageweiber. Die wissen, was sie tun. Also: Sherrytrinken und ein bisschen klagen die Tage?
    Es geht vorbeibeibei…
    In Liebe
    Junimond

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