Inkassomüller

Es hätte so nett sein können. Eigentlich wollten wir, Dr. Sprite, Mr. Matrix und meine Wenigkeit, nur friedlich am jährlichen Betriebsausflug unserer Firma partizipieren. Das Ausflugsziel: Lingendingen, für mich ein Heimspiel mit angenehmen fünf Fahrradminuten Anreisezeit, und wann macht man schon mal eine professionelle Stadtführung in der eigenen Heimatstadt? Die Kolleg*innen: Nett. Die Stocherkahnfahrt: Entspannt. Das Wetter: Strahlender Sonnenschein. Die Frisur: Sitzt.

Ein Tag so schön wie heute

Dass dann letzten Endes doch alles aus dem Ruder läuft, liegt diesmal aber wirklich nicht an uns, sondern an der völlig irren Schichtleiterin des Inkassomüller, einem idyllisch gelegenen Biergarten mit abgrundtief gruseliger Personalpolitik. Es geht so los, dass Dr. Sprite, Mr. Matrix und ich zu spät zu unserem Mittagessen in eben diesem Biergarten einlaufen, weil wir zuvor noch dringend Sonnencreme für unsere Kinder und Belohnungsbrekkies für unsere Katzen im Drogeriemarkt unseres Vertrauens erwerben mussten, sodass alle Plätze bei den schon sitzenden Kolleg*innen bereits vergeben sind. Wir, ganz vernünftig, setzen uns an einen anderen Tisch, bestellen Weißwürste mit Brezeln und Salate, die dann auch bald kommen, und stoßen mit unseren semialkoholischen Kaltgetränken auf einen Tag so schön wie heute an. Pascal, unser Kellner, schaut noch kurz vorbei und fragt, ob alles in Ordnung sei, und wir strahlen: Ja, alles wunderbra, vielen Dank!

Kaum haben wir aufgegessen, steht Pascal allerdings erneut mit Weißwurstschüssel auf der Matte und fragt, ob wir noch mehr Weißwürste bestellt hätten, hier stünden noch welche auf der zuvor angekreuzten Betriebsausflugsessensliste. Wir sagen artig, nein, danke, wir hatten schon, aber Pascal und ein weiterer Kellner, der sich mittlerweile mit Knödeln und Pilzrahmsoße neben Pascal aufgebaut hat, insistieren: Doch, das wären unsere Würste und auch unsere Knödel, die hätten wir angekreuzt und die müssten wir jetzt auch essen, und außerdem hätten wir auch gleich sagen müssen, dass wir zur Betriebsausflugsgemeinde gehören. Wir beteuern, dass wir nichts von der Verbindlichkeit der Betriebsausflugsessensliste gewusst hätten, und dass wir auch nicht absichtlich die Zugehörigkeit zu unserer Peergroup verschwiegen hätten, aber das bringt die beiden nur noch mehr in Rage und zu dem Schluss, dass es jetzt Zeit für ein ernstes Wörtchen mit ihrer Schichtleiterin wird. Die zwei dampfen ab und wir denken an Kafka.

Born to fail

Als die Schichtleiterin Kurs auf uns nimmt, geht es buchstäblich um die Wurst. Ihr Schritt ist energisch, ihr Blick eisig, bedrohlich schüttelt sie schon von Weitem ihr Handy gegen uns. Sie wiederholt, was Pascal und der Knödelkellner uns schon haben wissen lassen, nämlich, dass das unsere Würste wären, die wir bezahlen müssten, weil wir die vorher angekreuzt hätten, und dass der Inkassomüller sie uns auch gerne einpacken könnte, weil noch mal aufwärmen gehe ja schließlich nicht und bei ihnen würden die Weißwürste nicht eine halbe Stunde im Wasser liegen, dann wären die ja hin, und wenn das jeder machen würde, einfach irgendetwas Verbindliches ankreuzen und dann nicht essen wollen! Mittlerweile stehen auch schon wieder Pascal mit Weißwurstschüssel und der Knödelkellner neben der Schichthexe und versuchen, die Teller irgendwie auf unserem Tisch zu platzieren. Wir denken an Kafka und Weißwürste, die für einen potenziellen Transport in einer Goldfischtüte schwimmen, beteuern erneut unsere Unschuld und sind inzwischen überzeugt, dass das Inkassomüllerpersonal für jede überflüssige und unbezahlte Weißwurst kollektiv in den hauseigenen Kerker wandert.

Das Ganze geht dann noch eine Weile hin und her, die Schichthexe schiebt uns die Schuld zu, wenn der Inkassomüller pleite macht, die Kellner tragen noch ein bisschen dämlich die Knödel und Würschtl durch die Gegend, bis letztere dann schließlich dem Herrn an unserem Nachbartisch serviert werden, der zuvor versichert hatte, dass er wirklich kein Fleisch esse. Hauptsache frisch. Nachdem wir hinreichend ausgeschimpft worden sind, ziehen Dr. Sprite, Mr. Matrix und ich von dannen, ohne die überschüssigen Würste und Knödel in einer Goldfischtüte heimtragen zu müssen, dafür mit dem Schwur, mindestens bis ins fünfte Glied unserer Nachkommen nie wieder auch nur einen Fuß in den Inkassomüller zu setzen.

5 Kommentare

  1. Hochverehrter Bullenmichl, natürlich müssen Gastronomen rechnen, sonst sähe es vermutlich noch düsterer um sie bestellt aus als ohnehin. Darüber hinaus sollten Gastronomen jedoch auch ihrer Kundschaft ein Mindestmaß an Höflichkeit, Contenance und Gastfreundschaft entgegenbringen. Sonst müssen sie, die Gastronomen, nämlich damit rechnen, dass diese, die Kundschaft, einfach wegbleibt. Das ist im Endeffekt vermutlich noch unökonomischer.
    Bedingt verständnisvoll
    die aktuelle

  2. Ich selbst, ehemalig selbständiger Gastronom und mittlerweile wieder angestellter, kann durchaus nachvollziehen, was gemeint ist. Die Küche bereitet Essen vor, welches anschließend unverrichteter Dinge im Abfalleimer landen soll? Wirtschaftlich ist sowas ja nicht gerade.
    Nun ist es aber so, dass man als Gast da nicht dahinter blickt und das wohl auch nicht verstehen möchte, dass ertraglos eingekauftes Essen für den Mülleimer keinen Sinn macht. Vermutlich hätte etwas mehr Verständnis für die Situation allen Beteiligten gut getan.
    Der Bullenmichl

  3. Ja, teuerste aktuelle – Inkassomüller ist ein wirklich krass unangenehmer Laden.
    Wir: Abschiedstreffen für die rückreisenden ausgewanderten Freunde. Ein Tisch für 12 Leute? Geht nicht. Unter 20 wird kein Tisch reserviert. Und außerdem soll man vorher eine verbindliche Verzehrzusage machen… Erst als wir die benötigte Anzahl verbindlich zusammenlügen bekommen wir die Reservierung.
    Im Biertempel selbst wirken alle Sklaven gestresst, alle sind unfreundlich. Vorwurfsvolle Blicke, weil man am Kopfende des langen Tisches mal wieder nicht weiß, wer in der Runde das Hefeweizen bestellt hat – und dieser genervte Ton und Blick wiederholt sich bei jeder neuen Lieferung…
    Nein, der Laden ist nur eine sehr hübsch gelegene Touristenfalle. Unsereins sollte einen Bogen um diese Nepphütte machen und die schlechte Kunde durch die Lande tragen.

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