One of those days oder: Anna Chronismus

„Anachronism“ von Gerhard Gepp (Lizenz: CC BY-SA)

Die Woche fängt schon damit an, dass das Wochenende vorbei ist. Als nächstes klingelt der Wecker, und es liegen zehn Meter Tiefschnee, was zwar die bezaubernde Steilvorlage für einen romantischen Winterspaziergang mit dem Liebsten wäre, eine Autofahrt auf der 1234567 allerdings schlicht unmöglich macht, es sei denn, man hat fünf Thermoskannen Punsch, sieben Butterbrezeln, vier Nusshörnchen, dreizehn Hörbücher, fünf Schlafsäcke und mindestens zwei Heizdecken dabei sowie einen Fernseher. Oder wenigstens mobiles Internet, was ich aber, als ich mir vor eineinhalb Jahren ein neues Handy kaufte, noch als völlig unnötigen Nerdkram erachtete und daher das einfachste und preisgünstigste Modell erwarb, mit dem man zwar ganz bodenständig telefonieren, Kurznachrichten verschicken und sich wecken lassen kann, dessen Unterhaltungsfaktor abgesehen von diversen Klingeltönen und Farbeinstellungen jedoch recht begrenzt ist, aber das führt jetzt zu weit.

Also beschließe ich, mit dem Fahrrad zum Bahnhof und von dort aus mit den Öffis in die Landeshauptstadt und zur Arbeit zu fahren. Zunächst legt es mich bei diesem Unterfangen mitten auf der Straße aufs Glatteis, wobei ich mir die Beine blau schlage, was mich nicht nur in Zeitnot bringt, sondern auch sehr schmerzhaft ist. Am Bahnhof stoße ich erst auf eine längere Schlange, dann auf ein neues Fahrkartenautomatensystem, bei dem ich mir in der Hektik eine viel zu teure Fahrkarte ziehe. Als ich auf dem Gleis ankomme, fährt der Zug gerade ab. Ich bilde mir ein, die Leute hinter den Scheiben lachen zu sehen.

Wer war das?

Doch, wie wir spätestens seit dem letzten Silvester wissen, schlimmer geht immer. Auf der Arbeit angekommen möchte ich nur noch Kaffee trinken und arbeiten, in Ruhe, ungestört. Aber selbst das ist wohl zu viel verlangt von diesem Tag, denn im Büro ereilt mich die Nachricht, dass aus dem Projekt, in das Dr. Sprite, Mr. Sonic und ich seit elf Monaten Zeit, Energie und Herzblut pumpen und dessen Realisierung eigentlich zum Greifen nah war, nichts wird. Schade Scheiße.

Zu Hause fatzt abends die Rollladenschnur durch, Lotti hat Halsschmerzen und kann morgen nicht in den Kindi, Yoga fällt aus, und das Kehrwochenschild hängt an meiner Tür. Wer, zur Hölle, denkt sich solche Tage aus?

2 Kommentare

  1. Es wird einem ja im Zuge der Erhaltung der allgemeinen Lebensfähigkeit angeraten, solche Tage entspannt zu sehen und diese Anhäufung von Dingen, die die Welt nicht braucht, auf keinen Fall persönlich zu nehmen. Ich finde allerdings, der November ist ein Monat, der sich hervorragend eignet, Dinge verdammt persönlich zu nehmen. Es ist schon fast ein herbstliches Muss!
    Und außerdem: Just because I’m paranoid doesn’t mean they’re not out to get me!

    1. Liebe Tenkanpause, der Vorschlag derartige Tage sozusagen als saisonales Accessoire zu ertragen – demütig, depressiv und würdevoll – ist zwar großartig, entspricht nur leider nicht meinen momentanen nervlichen Kapazitäten. Viel lieber würde ich mir den Verantwortlichen vorknöpfen und ihn diesen Tag 987 Mal hintereinander erleben lassen – in Zeitlupe. Nun gut. Seien wir gespannt, was der Dezember bringt. Grüße an Schaf und Liebsten.

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