Der große Tag I

Wunderschöne Brüste nach der klassischen Lejour.

Kurz bevor mir die allerletzten Wimpern ausfallen, beginnen meine Haare wieder zu sprießen, analog zu Kroküssen und Winterlingen, und ich komme unters Messer, um mir von Doc Huhn und Frau Dr. Bär auch den letzten Fitzel Drecksack aus der Brust schneiden zu lassen. Da ich immer wieder gefragt werde, was denn da, bitte, noch herausgeschnippelt werden könne, wo der Drecksack doch gar nicht mehr vorhanden sei, hier eine medizinisch stark verkürzte Erklärung: Bei der Operation wird das Gewebe entfernt, das ehemals der Tumor war, die nun verbrannte Erde sozusagen, sowie ein bis drei Wächterlymphknoten Richtung Achselhöhle, damit am Ende nicht noch potenzielle Kleinstkrebszellen in die Lymphe und damit in meinen gesamten Körper gelangen.

Wir beginnen mit dem Tag vor der Operation, dem sogenannten Aufnahmetag. An diesem werde ich fünf Stunden lang über die verschiedenen Chancen, Risiken und To-dos am OP-Tag selbst aufgeklärt, unterschreibe unzählige Papiere, beantworte zig Fragen zu meiner Körperhistorie und fülle einen sehr umfangreichen Fragebogen zu meiner physischen und psychischen Konstitution für den Psychoonkologischen Dienst aus. Ich erfahre, dass man mir am Folgetag Knochenmark aus der Hüfte entnehmen, meine Lymphbahnen radioaktiv markieren und meine Brüste mit Drähten durchbohren wird, letzteres, damit die operierenden Ärzt*innen die innen liegenden Clips überhaupt von außen wiederfinden können, und dass ich eine Lymphdrainage bekomme, bei der das Wundwasser durch einen Schlauch aus meiner Brust in eine Flasche abfließen kann. Außerdem klärt mich Frau Schwarzinger, die Fallmanagerin, darüber auf, dass ich bis zu sechs Wochen nach der OP weder Streckbewegungen machen noch Wäschekörbe tragen solle (so ein Pech) und ich keine Wertgegenstände, dafür aber einen festsitzenden Sport-BH mitbringen möge, ebenso wie meine Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht, die ich am Tag zuvor mit Chéri ausgefüllt habe.

Lifting inklusive

Der vorletzte Programmpunkt sieht ein weiteres Aufklärungsgespräch vor, diesmal mit einem Anästhesisten. Auf einen solchen warten diverse Patientinnen und ich schon den ganzen Vormittag vergebens: Einer liegt krank zu Hause, ein anderer wurde spontan für einen Notfall im Kreißsaal eingezogen. Frau Schwarzinger allerdings weiß sich und uns zu helfen und zaubert den Anästhesisten einer anderen Abteilung aus dem Hut. Dieser muss nun abrupt seine Mittagspause für uns beenden und uns alle aufklären. Dies tut er denkbar lustlos, wenn auch sehr bildreich: „Ich sag‘ immer, eine Narkose ist wie eine Autofahrt: Es kommt auf die Strecke und das Auto an. Passieren kann immer was, vom Blech- bis zum Totalschaden. Meistens geht es allerdings gut, und wenn was passiert, ist es oft nur ein Blechschaden. Ich sag‘ jetzt mal so: Sie sind nicht mehr das neueste Auto, und was Sie vor sich haben, ist keine Kurzstrecke. Haben Sie das verstanden? Ich spreche ganz gerne in Bildern.“ Das ist mir auch schon aufgefallen. Dann deutet er auf den Aufklärungsbogen und fragt, ob mir das reiche oder ob er das Ganze noch ausführlich erläutern solle. Mir reicht es absolut und ich lehne dankend ab, ebenso wie sein halbherziges Angebot, mein Herz und meine Lunge abzuhören, da er meint, so wie ich aussehe, sei ohnehin alles in Ordnung. Wow, das hätte ich auch gekonnt. Chéri mutmaßt später, dass sie in Ermangelung eines richtigen Narkosearztes womöglich kurzfristig irgendeinen Hausmeister für diesen Job verpflichtet haben: „Du tätest jetzt mal den Anästhesisten machen!“

Abschließend geht es in die Brustsprechstunde zu Doc Huhn und Frau Dr. Bär, die mich gemeinsam operieren werden. Sie suchen per Ultraschall mal wieder die zweite Clipmarkierung, malen ein letztes Mal meine linke Brust mit grünem Edding an und sind sich schnell einig, dass sie „eine klassische Lejour“ machen werden. Dabei werde auch gleich noch die Brust gestrafft, die Angleichung der zweiten folge dann später, und Doc Huhn verspricht mir „wunderschöne Brüste“. Ich fand sie vorher auch schon gut, aber die Aussicht, nach zwei Schwangerschaften inklusive gestillten Kindern sowie einem Mammakarzinom ein kostenloses Lifting zu bekommen, spricht mich doch sehr an. Als Entschädigung für den Drecksack ist das auch das Mindeste.

Fortsetzung folgt!

8 Kommentare

  1. Kleines Zwischen-Update, bevor es gleich an die Fortsetzung geht: Doc Huhn rief heute Nachmittag an und verkündete den Befund des Pathologen, der den Drecksack nun eine Woche untersuchen durfte: Komplettremission! Das bedeutet: keine einzige vitale Krebszelle mehr im entfernten Gewebe – der Drecksack ist Geschichte, und ich bin krebsfrei mit sehr guter Prognose!

  2. Falls es der Hausmeister war, dann hat er jedenfalls alles gegeben – vielleicht wird er jetzt Bilderbuchautor!? Dein Herz oder die Lunge hätte der Held des Straßenverkehrs wahrscheinlich eh nie gefunden…
    Dafür kann man sich zum Glück auf Doc Huhn verlassen. Keine verkorksten Bilder, sondern eine konkrete Aussage: Wunderschöne Brüste!! Damit kann man doch was anfangen 🙂

  3. Zu so einem Anästhesisten fasst man doch unmittelbar Vertrauen! Chéri hat womöglich recht, Himmelswillen…

    Wie schön, dass Du alte Karre die längere Fahrt offenbar trotzdem gut überstanden hast! Sind die Innenpiercings jetzt auch weg? War die Straffung es wenigstens wert?

    Fühl Dich coronaconform sehr umarmt!

    1. Ja, das war schon sehr grenzwertig. Zur Ehrenrettung der Lingendinger Frauenklinik muss ich aber sagen, dass derart seltsames Verhalten wirklich die ganz große Ausnahme ist. Insgesamt fühle ich mich dort tatsächlich in besten Händen.
      Ja, die Innenpiercings und die Drähte sind weg, bin ich aber auch nicht traurig drum. Und noch mal ja: Auch wenn das OP-Areal doch noch recht geschwollen und gelb und grün ist, kann sich das Ergebnis jetzt schon sehen lassen. Die aktuelle Asymmetrie ist allerdings recht gewöhnungsbedürftig…
      Zurückumarmt!

  4. Liebe akuelle,
    let’s lift you up! Das klingt ja fast schon nach Gospel, Hallelujah! Welche Freude in diesen Zeiten! Danke Dir ganz herzlich! Alles Gute weiter!!!
    jokoloko

  5. Hallo Anja
    Das du bei so einem ernsten Thema was dich betrifft mit so einem Wort Witz das ganze beschreibst
    Mir fehlen die Worte.
    Es freut mich sehr das du es geschafft hast. 😊❤️🍀
    Du bist eine so starke, klugetolle, lustige, herzliche Frau.
    Liebe Grüße Silvia

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