Der erste Advent

                               

Früher ging Weihnachten anders. Ich war die Weihnachtsfrau, ich liebte die Vorweihnachtszeit mit Advent, Plätzchen, Besinnlichkeit und Schneegestöber. Ich studierte und sah meine winterliche Hauptaufgabe darin, Kerzen anzuzünden und meine neurotisch-depressiven Mitbewohner*innen im alternativ-antikapitalistischen Wohnprojekt zu bekehren: „Schaut mal, es schneit!“ oder: „Jürgen, heute bist DU dran mit dem Adventskalender!“ Jürgen hätte mir damals vermutlich am liebsten den Hals herumgedreht, stattdessen machte er sich noch ein Bier auf. Heute habe ich zwei kleine Kinder, Hotti (7) und Lotti (4), ein altes Auto (20), einen Job mit einstündigem Anfahrtsweg, und die Weihnachtszeit erscheint wie eine einzige Grenzerfahrung. Alleine in diesem Herbst habe ich drei vergeigte Laternenumzüge mit schlecht gelaunten Kindern, eine Plätzchenschlammschlacht, zwei Erkältungswellen, eine gesamtfamiliäre Bindehautentzündung, morgendliche Autoausfälle inklusive vereisten Scheiben sowie einen ersten Advent hinter mir, der seinesgleichen sucht.

Die Kinder: seit Tagen zu krank für Schule und Kindergarten, aber zu gesund für zu Hause. Ich: nach einer Woche Organisations- und Betreuungsstress reif für die Insel. Meine Hoffnung: ein besinnliches Adventswochenende. Die Realität: Morgens halb acht zwei keifende Furien, die sich um Barbie-Puppen prügeln, die Gesichter zerkratzen und Haare ausreißen, sich schlagen und gegenseitig aus den Zimmern schmeißen und, als ich schlichten will, um kurz vor acht „Mama-Verbot“-Schilder an die Türen kleben. ‚Na gut‘, denke ich, ‚Friede auf Erden, mach‘ ich mal Rolf und seine Freunde an‘, das hat noch immer geholfen, mir zumindest, er ist nicht umsonst seit achtzehn Jahren ungeschlagene Nummer eins auf der Hitlist meiner Lieblingsweihnachts-CDs, ‚mach‘ ich mal Frühstück, Unterzuckertsein ist ja auch kein Spaß, und ausatmen und loslassen‘.

„Alle raus!! Ihr seid alle blöööööd!!!!“

Um halb neun fliegen die Fetzen, weil sowohl Hotti als auch Lotti die erste Adventskerze anzünden wollen, ich schreie „Finger weg!“, weil sie anfangen, Äste aus dem Kranz zu ziehen. Kurz darauf ruft unsere Tagesoma an, ob sie uns um zehn Uhr das Kinderbett vorbeibringen könnte, das seit Monaten auf ihrem Dachboden herumsteht und das sie genau jetzt loswerden will. Ein guter Zeitpunkt. Ich ziehe die Kinder und mich durchs Bad, begrüße die Oma, baue das Kinderbett zusammen, backe einen Kuchen für den Nachmittagsbesuch, Hotti und Lotti zanken sich um die Teigreste, ich mache Mittagessen, die Kinderzimmertüren fliegen, ich drehe das Radio lauter, bekomme Kopfschmerzen, den Kindern schmeckt das Essen nicht, uuäääähhhhrrr und igitt, Küche aufräumen, Spülmaschine einräumen, im Kinderzimmer steigt die nächste Prügelei, ich bin kurz davor mitzumischen, um vierzehn Uhr kann ich nur noch brüllen, Spülmaschine ausräumen, und in dem Moment, als Lotti kreischt „Alle raus!! Ihr seid alle blöööööd!!!!“ ist es auch schon fünfzehn Uhr, es klingelt, und der Besuch, eine Familie mit zwei Kindern, steht vor der Tür. Wie schön, dass Ihr da seid, kommt doch rein, bei uns ist es gerade so gemütlich.

Ich decke auf, ich decke ab, Kaffee, Kuchen, Abendessen, um kurz vor acht werfe ich die zwei Engel ins Bett, mir selbst fallen die Augen zu, um zwanzig Uhr steht meine Hosenkreuzer-Gruppe vor der Tür, eine Geheimverbindung, über die ich nicht sprechen möchte, um halb zwölf krieche ich mit unerledigten Arbeitspapieren ins Bett, und als ich die Überschrift zum sechsen Mal lese, ohne ihren Sinn zu erfassen, lösche ich das Licht und bin weg. Allerdings nur bis kurz vor MItternacht, denn da schreit nebenan ein alptraumgeplagtes Nervenbündel, mein Automatenkörper wankt ins Kinderzimmer, tröstet, deckt zu, Kuss, Gute Nacht, zurück ins Bett, zurück ins Koma. Um halb eins kriecht das Nervenbündel zu mir unter die Decke, strahlt mich an und sagt: „Dein Bett ist so gemütlich!“ Der nächste Advent kann nur besser werden, und die Hoffnung stirbt zuletzt.

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